Wenn die kleinen Raben etwas ausgefressen haben…

Meistens sind es ja eher harmlose Streiche, die den kleinen Raben einfallen. Aber was passiert, wenn es um mehr geht als nur ein bisschen Pfeffer in deiner Bonbondose oder Zahnpasta auf der Türklinke?

Grundsätzlich muss man dann genau trennen zwischen zivilrechtlichen und strafrechtlichen Folgen. Das Zivilrecht, besser gesagt das Privatrecht, regelt alles zwischen dir und anderen Menschen (oder auch Firmen).

Das Strafrecht wiederum ist Teil des sogenannten Öffentlichen Rechts und da geht es um alles zwischen dir bzw. deinen Rabenkindern auf der einen Seite und dem Staat auf der anderen.

Wenn dein Rabenkind also die Fensterscheibe vom Nachbarn mit seinem Fußball zertrümmert, dann ist die zivilrechtliche Frage, ob dein Nachbar die Kohle für die Scheibe von dir oder deinem Raben zurück bekommt und die öffentlichrechtliche Frage, ob dein Rabenkind damit eine Straftat begangen hat und dafür bestraft werden kann.

Die Antwort darauf hängt in erster Linie vom Alter des Kindes ab.

Fangen wir am Anfang an. Rechtsfähig sind Menschen mit Vollendung der Geburt, ab da kann jeder Träger von Rechten und Pflichten sein.

Aber mit Geburt ist man noch lange nicht geschäftsfähig (darf also noch keine Verträge oder ähnliches abschließen) und auch noch nicht deliktsfähig (haftet also auch nicht für Schäden, die man anrichtet). Macht ja auch Sinn, denn ein Baby kann und soll sich weder seinen Brei selbst kaufen, noch kann es etwas dafür, wenn es mit den Strampelbeinen die Blumenvase vom Tischrand fegt.

Die Grenze, ab wann sich das ändert, hat der Gesetzgeber bei Siebenjährigen gezogen. Mit dem siebten Geburtstag ist der kleine Rabe das, was man beschränkt geschäftsfähig einerseits und bedingt deliktsfähig andererseits nennt.

Für Verträge hat das ganz eigenwillige Folgen: Ein Vertrag, der nur einen rechtlichen Vorteil mit sich bringt, wie zum Beispiel die Schenkung aus dem letzten Blog-Beitrag, der gilt voll und ganz. Fast alle anderen Verträge kann auch ein Minderjähriger nur mit Zustimmung der Eltern abschließen. Fehlt diese Zustimmung, ist der Vertrag so lange in der Schwebe, bis die Eltern ihn entweder nachträglich genehmigen oder ablehnen, dann gilt der Vertrag nicht. Was das genau bedeutet und welche Folgen das hat, gucken wir uns in einem der nächsten Blog-Beiträge an.

Für Schäden, die ein Minderjähriger ab 7 anrichtet, hat das nämlich auch ganz eigene Folgen. Ab jetzt muss er dafür haften, wenn und soweit er einsichtsfähig ist, also kapiert, wozu seine Handlung führen kann.

Ein achtjähriger Rabe, der mit Vollkaracho einen Ball auf das Fenster der Nachbarn ballert, muss den Schaden ersetzten, denn er dürfte höchstwahrscheinlich vorausgesehen haben, dass die Scheibe bei so einem Schuss kaputt gehen wird.

Aber neben den Kindern, geht es auch um die Rabeneltern und ihre Aufsichtspflicht. Denn Eltern haben dafür zu sorgen, dass ihren Kindern nichts zustößt, gleichzeitig, dass ihre Kinder keinen Schaden anrichten. Je jünger die Raben sind, desto intensiver müssen sie beaufsichtigt werden. Das heißt im Umkehrschluss, dass ältere Kinder auch einmal allein auf dem Spielplatz toben dürfen, ohne dass dies sofort eine Pflichtverletzung wäre. Im Gegenteil, ein Kind kann Selbständigkeit und Verantwortungsbewusstsein nur dadurch lernen.

Eine genau festgelegte Regel für den Umfang der elterlichen Aufsichtspflicht gibt es nicht. Es wird von Eltern erwartet, ihre Kinder gut genug zu kennen, um zu wissen, wie viel oder wie wenig sie beaufsichtigt werden müssen.

Das gibt den Eltern einerseits die Freiheit, ihre Erziehung nach eigenem Ermessen individuell an die Bedürfnisse der kleinen Raben anzupassen. Andererseits müssen sie damit rechnen, zur Haftung heran gezogen zu werden, wenn etwas schief geht, bei Kindern unter 7 genauso wie bei Kindern über 7.

Um dieses Risiko zu (er)tragen, bleibt eigentlich nur der pragmatische Rat, eine Privathaftpflichtversicherung für die ganze Familie abschließen, die auch „deliktunfähige Kinder“ einschließt.

Als Trost für die kleinen Raben: Weder für eine zerbrochene Fensterscheibe, noch für einen Kratzer an Nachbars Fahrrad droht Gefängnis oder eine sonstige offizielle Strafmaßnahme.

Bei der Deliktfähigkeit geht es nämlich nur um den Schadensersatz für den Nachbarn, also zivilrechtliche Ansprüche.

Strafrechtlich hat ein Minderjähriger erst ab 14 etwas zu befürchten, dann wird er nämlich zum Jugendlichen und bedingt strafmündig.

Wer jetzt im Kaufhaus was klaut und erwischt wird, muss für seine Tat gerade stehen. Noch nicht mit der gleichen Härte wie ein Erwachsener, von 14 bis 18 sind dafür die Jugendstaatsanwälte und Jugendrichter zuständig, die zusätzlich zu ihren juristischen auch noch über pädagogische Kenntnisse verfügen.

Denn im Vordergrund soll bei Jugendlichen nicht die Bestrafung stehen, sondern der Erziehungsgedanke. Ein Rabenteenie soll immer eine zweite und meistens auch noch eine dritte Chance bekommen, aus den begangen Fehlern zu lernen.

Welche Maßnahme ergriffen wird, hängt von vielen Einzelfaktoren ab:

Was hat der Jugendliche ausgefressen? Wie weit war er sich der Tragweite seines Handelns bewusst? Wie ist das Umfeld des Jugendlichen? Kann von einem einmaligen Ausrutscher ausgegangen werden oder muss der Jugendliche von Wiederholungen abgebracht werden?

Von Verwarnung, gemeinnütziger Arbeit, Geldauflagen oder Erziehungsunterstützung bis Jugendarrest hat das Jugendgericht Mittel zur Verfügung, die eben nicht reine Bestrafe sein sollen, sondern den Jugendlichen dazu bringen sollen, seine Fehler zu erkennen und es künftig besser zu machen.

In schwereren Fällen, wenn es zum Beispiel um Gewalt, wiederholte schwere Körperverletzung oder sogar Tötungsdelikte gehen sollte, kann der Jugendrichter auch Jugendstrafen verhängen, die dann in einer besonderen Jugendhaftanstalt abgebüßt werden müssen. Oder er kann auch die Unterbringung in psychiatrischen Einrichtungen anordnen, wenn dazu Anlass geboten ist.

Eventuell wird das Jugendstrafrecht sogar noch ein bisschen länger angewandt, also auch für Heranwachsende von 18 bis 21, wenn sie noch nicht die volle Reife eines Erwachsenen haben, also von ihrer Entwicklung her noch eher einem Jugendlichen entsprechen.

Ein Verteidiger ist übrigens bei Jugenddelikten nur in schwereren Fällen vorgeschrieben, also wenn Jungendstrafe oder Unterbringung in einer Anstalt drohen oder sogar die Eltern als Tatbeteiligte beschuldigt werden und deshalb ihr Kinder nicht mehr vor Gericht vertreten dürfen.

Nur in diesen notwendigen Fällen zahlt der Staat einen Pflichtverteidiger, falls der Jugendliche sich keinen Verteidiger seiner Wahl leisten kann. Aber auch in den leichtern Fällen gibt der Rat eines Anwalts Sicherheit, zumindest was die rechtliche Seite betrifft.

Die noch wichtigere moralische und emotionale Stütze müssen und sollen die Eltern sein. So sauer du in dem Augenblick vielleicht selbst auf deinen Nachwuchs bist, macht es doch den meisten Sinn, mit Jugendgericht und Jugendamt gemeinsam zu überlegen, wie es künftig besser laufen kann, statt nur wegen bereits begangener Taten zu poltern.

Bestimmt wird auch der frechste Rabe ziemlich kleinlaut, wenn er befürchten muss vor einem Richter zu landen, da können ein paar beschützende Rabenflügel nur gut tun.

Jetzt weißt du Bescheid – ich hoffe, nur für die Theorie und drücke die Daumen für aufgeweckte, aber trotzdem brave Rabenkinder!

Eure Michaela

(Rabenrechte © Rabenmütter Verlag Ug (haftundbeschränkt))